Ignaz Schwinn

Ignaz Schwinn


Fahrradfabrikant (1860 - 1948)








Mit zwei Rädern eroberte Ignaz Schwinn Amerika

Rund einjahrhundert Fahrradgeschichte schlagen wir auf, wenn wir in der Chronik der »Schwinn & Company«, mit Sitz in Chicago, eines der größten amerikanischen Fahrradhersteller blättern. Ignaz Schwinn, einer der bedeutendsten Auswanderer des Erftales begründete eine der berühmtesten amerikanischen Fahrradfirmen. »Schwinn-Built-Bicycles« sind in den Vereinigten Staaten seit knapp hundert Jahren ein Begriff. Selbst der unvergessliche Rock and Roll Star Elvis Presly fuhr auf einem Schwinn-Rad, das man heute noch in seiner Wohnung »Graceland« in Memphis bewundern kann.
Ignaz Schwinn, wurde am 1. April 1860 in Hardheim geboren. Später zog die Familie vom Ried in das vom Vater gebaute »alte Bermayer-Haus« in der Walldürner Straße. Vater Ignaz Schwinn, ein gebbürtiger Bretzinger, war Besitzer einer gutgehenden kleinen Orgel- und Klavierfabrik in Hardheim. Er starb, als sein Sohn Ignaz elf Jahre alt war, und hinterließ Frau Theresia, geh. Gärtner, und sieben Kinder. Ignaz war der zweitälteste.
Die finanziellen Verhältnisse der Familie erlaubten ihm »nur« eine Grund- und Berufsschulausbildung. Er absolvierte dann eine Lehre als Maschinenbauer.

Lehrjahre in Norddeutschland

Es war in der damaligen Zeit für einen jungen Mann sehr schwierig, Arbeit zu finden. So war auch Ignaz Schwinn gezwungen, eine Beschäftigung zu suchen, wo immer er sie finden konnte. Wie die meisten jungen Leute seiner Zeit war er lebhaft interessiert am Hochrad, jenem »Wunder des Jahrhunderts«. In Fahrradfabriken in Norddeutschland lernte er alles über das neue Rad, »das Sichere« mit 2 gleichhohen Rädern (engl. safety genannt), welches von dem Engländer Starley erfunden worden war. Schwinn sah einige der ganz frühen Typen und erkannte schnell deren Nutzen für die Menschheit.
Mit der Zeit eignete sich Ignaz Schwinn beachtliche Erfahrung im Fahrradbau an. Diese und eine außergewöhnliche technische Begabung eröffneten ihm eine große Karriere als Erfinder und Hersteller in der Fahrradbranche.
Zunächst aber galt es, mancherlei Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen: Schwinn's Zeitgenossen standen dem neuen, modernen Fahrradtyp konservativ gegenüber. Enthusiasmus und Ideen des jungen Hardheimers wurden zwar respektvoll angehört, den älteren Radtypen jedoch der Vorzug gegeben, da man sie für sicherer und erprobter hielt. Der neue pneumatische Radreifen, eine weitere britische Erfindung, heiß diskutiert in Fahrradfabriken, wurde allgemein abgetan als eine interessante aber unpraktikable Neuheit. Ignaz Schwinn hingegen war überzeugt, dass diese Idee der richtige Weg für die Weiterentwicklung des Fahrrades sei. Einige kompetente Fachleute stimmten ihm zu und bestärkten ihn in seinen Ideen.

Frankfurter Zeit

Während seines Aufenthaltes in Frankfurt kaufte sich Schwinn Reißbrett und Werkzeug. In seiner kleinen Bude hoch oben unter dem Giebel eines großen Hauses in der Frankfurter Altstadt arbeitete er Nacht für Nacht an den Plänen für ein verbessertes »Safety«-Fahrrad. Die Maschinenfabrik, für die er tätig war, fabrizierte unter anderem Hochradzubehör für Heinrich Kleyer, der zu dieser Zeit in kleinerem Rahmen auch Fahrräder herstellte und verkaufte.
Bei seiner Arbeit lernte Schwinn Heinrich Kleyer persönlich kennen und zeigte ihm Entwürfe von seinem neuen Fahrrad. Kleyer war beeindruckt, stellte ihn an und bald war Ignaz Schwinn Konstrukteur und Meister bei den Kleyer Werken, beauftragt, einige der allerersten »Safety«-Fahrradtypen in Deutschland herzustellen. Das Geschäft blühte und bereits um 1889 half Schwinn, den Bau und die Ausrüstung des neuen Kleyer-Werks zu planen und zu beaufsichtigen, welches später als Adler-Werk weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt wurde.
Es war Ende der 80er Jahre. Ignaz Schwinn wollte den Verwandten in Hardheim seine Braut vorstellen. So erzählt man jedenfalls noch heute in der Erftalgemeinde. Sie kamen mit dem Tandem von Frankfurt nach Hardheim geradelt. Bei der Ankunft meinte er lobend zu der jungen Frau: »Du hast tapfer getreten. «

Nach Amerika

1891 reiste Schwinn nach Chicago, begierig am technischen Fortschritt dieser großen neuen Welt »Amerika« teilzuhaben.
Eine kurze Zeit arbeitete er für die Firma Fill & Moffat, die Fowler-Fahrräder herstellte, und plante und errichtete die Fahrradfabrik der International Manufacturing Company. Die Leitung des Unternehmens behagte ihm nicht und so löste Schwinn 1894 seinen Vertrag mit dieser Gesellschaft. 1895 tat er sich mit Adolf Arnold zusammen, rief die »Arnold, Schwinn & Company« ins Leben und baute nun selbst eine Fahrradfabrik auf.
So war ihm die Möglichkeit gegeben, seine Vorstellungen hinsichtlich des besten und schönsten Fahrrades in die Tat umzusetzen. Der Erfolg des Unternehmens bestätigte, dass Schwinn Recht hatte. In Adolf Arnold hatte er einen geeigneten Partner. Arnold zeichnete sich durch ungewöhnlich gut ausgeprägten Geschäftssinn und höchste Integrität aus.

Selbstständiger Firmeninhaber

Im Jahre 1908 kaufte Ignaz Schwinn den Firmenanteil seines Partners auf und wurde dadurch einziger Inhaber der »Arnold, Schwinn & Company«. Von dieser Zeit an bestimmte er alleine das Schicksal des Unternehmens, immer auf Verbesserung der Produkte bedacht. Von Zeit zu Zeit wurde die Firma vergrößert, um der Nachfrage nach den »Schwinn Built Bicycles« gerecht werden zu können. Als der Zweite Weltkrieg sich in seiner geliebten zweiten Heimat bemerkbar machte, legte Schwinn seine Zukunftspläne vorerst beiseite und widmete sich, wie bereits 1917, mit aller Kraft der Produktion von Kriegsmaterial für Luftwaffe, Schifffahrt und Armee. »Arnold, Schwinn & Company« wurde das »Army and Navy 'E'« zugesprochen ob der excellenten Qualität ihrer Kriegsproduktion. Als das Unternehmen 1945 sein 50jähriges Bestehen feierte, kam lgnaz Schwinn trotz seiner 84 Jahre noch jeden Tag höchstpersönlich in die Fabrik und inspizierte alles.

Ein Stück Fahrradgeschichte

Um die Bedeutung von Schwinns Lebenswerk richtig ermessen zu können, muss man sich einmal klar machen, wie es in der Fahrradindustrie aussah, als Ignaz Schwinn mit Konstruktion und Entwurf seiner neuen Zweiräder anfing und damit einen für damalige Verhältnisse revolutionären Weg mit seinen Ideen und deren Verwirklichung beschritt. Das Land der ungeahnten Möglichkeiten bot ihm zur Realisierung seiner Pläne natürlich die besten Voraussetzungen.
Als Vorläufer des heutigen Fahrrades ist das von Freiherr von Drai 1813 erfundene lenkbare Laufrad (Draisine) anzusehen. 1840 baute Franz Kurtz in Jülich ein mit Fußhebeln angetriebenes Dreirad. Um 1850 brachte Phil. Moritz Fischer (Schweinfurt) erstmals am Vorderrad Tretkurbeln an. 1860 übernahm Michaux in Frankreich die Herstellung des Fahrrades im großen (Veloziped). In der Folgezeit erfuhr das Fahrrad namentlich in England wesentliche Verbesserungen, z. B. durch den Einbau von Kugellagern, die Verwendung von Drahtspeichen, durch Stahlfelgen und Vollgummireifen.
Das Hochrad entstand um 1880 durch Vergrößerung des angetriebenen Vorderrades zwecks Erhöhung der Geschwindigkeit. Nachdem die in England vereinzelt gebauten, halbhohen Känguruhräder wieder aufgegeben worden waren, wurde es wegen seiner Gefährlichkeit bei Stürzen 1885 ersetzt durch das Nieder- oder Sicherheitsrad, das »Safety« mit zwei gleichhohen Rädern, Tretlager und Kettenübersetzung zum Hinterrad.

Dieses Sicherheitsrad war eben jenes, in Schwinns Jugendzeit vieldiskutierte Rad, welches er weiterentwickelte und verbesserte. je nach Verwendungszweck entstanden in den Schwinn-Werkstätten in Chicago Touren-, Renn-, Damen-, Geschäftsrad mit Gepäckgestell. Mehrsitzige Räder, sogenannte Tandems, wiesen zwischen zwei bis zehn Sitze hintereinander auf Es gab die verschiedensten, heute teilweise komisch anmutenden Modelle.

Auch Autos wurden gebaut

Besondere Erfolge erzielte Schwinns Firma auf dem Rennradsektor. Viele bekannte Radrennen wie das Sechs-Tage-Rennen Chicago oder die Pariser Radrennen wurden auf Schwinn-Rädern gewonnen.
Einmal versuchte sich das Unternehmen im Laufe seiner knapp 100jährigen Geschichte auch im Autobau. Das ist allerdings schon lange her. Der letzte und bekannteste der von Ignaz Schwinn entworfenen Vier-Zylinder-Wagen wurde 1905 entwickelt. Knapp hundert Jahre sind mittlerweile vergangen - Schwinn-Räder haben sich gehalten und prägen nach wie vor das Bild amerikanischer Straßen und Parkanlagen.
Viele technische Neuerungen und Erfindungen stammen aus den Werkstätten der Arnold, Schwinn & Co. So bedeutete zum Beispiel die Erfindung des stromlinienförmigen »Aerocycle« eine radikale Abwendung von den bis dato üblichen Standardrädern. Das sogenannte »AutoCycle« war die Radsensation des damaligen Amerikas. Technische Verbesserungen ermöglichten es der Firma, sich bis zum heutigen Tag als führender Fahrradhersteller der Vereinigten Staaten behaupten zu können.

Ignaz Schwinn hat 1936 zum letzten Mal Hardheim besucht und zwar anlässlich der Olympischen Spiele in Deutschland.
Die Nachfahren von Ignaz Schwinn pflegen nach wie vor Kontakte zur Heimat ihrer Väter, sei es in Form von Care-Paketen während des 2.Weltkrieges oder Reisen nach Deutschland.

Über die turbulente jüngere Firmengeschichte informiert die offizielle Schwinn-Homepage unter www.schwinnbike.com/heritage .

Eine Veröffentlichung über den zeitweiligen Bau von Motorrädern bei Schwinn ist kürzlich erschienen: Thomas Bund (2007): AMERICAN X - Excelsior-, Super X- und Excelsior-Henderson-Motoräder 1907 bis 1931 (ISBN 978-3-00-020942-0)