Prof. Ignaz Scherer C. S. Sp.


Meteorologe (1858 - 1926)








Meteorologe Professor Ignaz Scherer C. S. Sp. (1858 -1926)
Ein deutscher Auslandsgelehrter internationalen Ranges

Ein in der Fachwelt anerkannter Mitpionier der Meteorologie, der an die führenden Fachinstitute in Europa grundlegende Daten aus den Tropen in der Erstzeit einer sich entwickelnden jungen Wissenschaft lieferte, stammt aus Bretzingen.

Eine Würdigung der Person des Universitätsprofessors Ignaz Scherer wurde durch die Deutsche Botschaft in Port-au-Prince, Haiti, ermöglicht. Sie bemühte den einheimischen Publizisten Gérard Johbois, einem Schüler von Prof. Scherer, ein kurzes Lebensbild über seinen ehemaligen Lehrer zu geben. Dieses wird bestätigt durch alle noch erhaltenen Bulletins der Universitäten Wien und Paris und die Aufzeichnungen seines Ordens.
Im Erfatal geboren
Ignaz Scherers Geburtsort Bretzingen liegt im oberen Erfatal. Sein Vater Carl Josef Scherer (* 16.4.1823) vermählte sich mit Magdalena Geiger (* 11. 1. 1825) am 15. Januar 1850. Aus dieser Ehe wurde der Sohn Ignaz als viertes Kind am 1. Februar 1858 geboren. Seine Mutter starb am Kindbettfieber am 15. 2.1858. Der Vater heiratete nun die Schwester seiner Frau, Creszentia. Nochmals kamen vier Geschwister zur Welt.
Ignaz bekundete sehr früh seine Neigung, einmal Theologie studieren zu wollen. Er besuchte daher das Gymnasium in Tauberbischofsheirn.
In der Zeit des Kulturkampfes zum Studium der Theologie zu kommen, war nahezu unmöglich. Von 1868-1881 wurde dieser Kampf in Baden geführt.
Seine Eltern hätten ihren Sohn Ignaz gerne als Weltpriester am Altare gesehen. Unter dem Druck der damaligen Verhältnisse in Baden und auf den Rat seiner Freunde verließ Ignaz Scherer die Heimat. Er fand 1877 Aufnahme im Priesterseminar in St. Trond, Diözese Lüttich. Der mit ihm befreundete Scholastiker Pütz, der im irischen College Blackrock bei den Heilig-Geist-Missionaren studiert hatte, wies ihn auf diese Missionsgesellschaft hin. Diese, den Jesuiten verwandten Spiritaner, waren aus Deutschland vertrieben worden. Nun setzte er in Langenet in Frankreich bei dieser Missionsgesellschaft sein Studium fort. Geschichte, Philosophie, die heilige Schrift und die hebräische Sprache studierte er mit großer Gewissenhaftigkeit. Am 28. Oktober 1884 erhielt er in Chevilly bei Paris die Priesterweihe. Als Missionar wurde Pater Ignaz Scherer nach Haiti geschickt und kam dort am 11. November 1885 an. Er war Priester und Missionar geworden.

Mit der rauen Wirklichkeit und der Forschung konfrontiert - Begegnung mit Pater Daniel Weik

Seine erste und einzige Anstellung erhielt der junge Pater im St.-Martial-Collége von Port-au-Prince. Dort befassten sich die Missionare mit der Erziehung von Negern und Mischlingen und waren mit ihrem Kolleg Jahrzehnte in der Bildungsarbeit führend. Fünf Jahre versah er das Amt des Studienpräfekten bei einer Schülerzahl von 300 - 350 und leitete Lehrgänge in Physik und in den Naturwissenschaften. Daneben übernahm er seelsorgerische Arbeit im Militärhospital. Zur selben Zeit wurde er zum Anstaltsgeistlichen im Gefängnis von Port-au-Prince bestellt, wo er wöchentlich zweimal die Messe las. Er sah sich persönlich verpflichtet, bei den bestehenden Behörden zugunsten politischer Gefangener einzutreten.
Schließlich wurde er Assistent seines badischen Landsmannes Darniel Weik (geboren am 16. Juni 1843 in Hilsbach b. Sinsheim/ Baden), der für seine Wetterbeobachtungen 1879 eine meteorologische Station errichtet hatte.
Brandlegen gehörte zu den illegalen Mitteln der sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung auflehnenden Bevölkerung dieser Insel. Schon zu dieser Zeit des Beginns der Lehrtätigkeit und Missionsarbeit der Patres war es eine außerordentlich schwierige Aufgabe, in diesem kräfteverzehrenden Tropengebiet und politischer Unausgeglichenheit des Landes zu arbeiten. Daniel Weik wurde zum Gründer der Geographischen Gesellschaft und des Naturwissenschaftlichen Museums in Port-au-Prince. Zur Erforschung der Wetterverhältnisse in der Karibischen See begann 1885 der Ausbau der seitherigen Beobachtungsstation zu einem meteorologischen Observatorium, der Sternwarte von Port-au-Prince.
Die Begegnung von Daniel Weik mit Ignaz Scherer war nur kurz. Daniel Weik, der von 1871 1887 Prokurator des Collèges war und es zu hoher Blüte führte, hatte während dieser Zeit in den Tropen seine Kräfte aufgerieben. Nach zweimaligen Erholungs- und Kuraufenthalten verstarb Danliel Welk an einem Herzinfarkt am 11. September 1887 in Freiburg.
Das von Daniel Weik hinterlassene Observatorium steckte noch in seinen Anfängen. Die Beziehungen von Haiti zu den Universitäten Wien und Paris sowie fürstlichen Häusern in Berlin waren noch im Anfangstadium. Der Ausbau des Observatoriums blieb seinem Nachfolger, Ignaz Scherer, vorbehalten. Es lag nun in seinen Händen diese astronomischen, physikalischen und meteorologischen Aufgaben mit wissenschaftlicher Gründlichkeit durchzuführen. Ein Arbeitsgebiet, das neben der Tätigkeit als Pädagoge am Collège den vollen persönlichen Einsatz erforderte. Obwohl es eine außerordentlich schwierige Aufgabe war in diesem kräfteverzehrenden Tropengebiet und unter wechselnden politischen Verhältnissen zu arbeiten, kannte er in den folgenden 40 Jahren weder Urlaub noch Erholung.

Rettung der Forschungsarbeiten Ackermanns

Die Regierung von Haiti versuchte Mitte des 19. Jh. europäische Wissenschaftler und Pädagogen für ihr Land zu gewinnen. Darunter war ein Prof. Ad. Ackermann, der am NationalLyzeum wirkte. Die ersten konkreten meteorologischen Beobachtungen von 1864 -1868 wurden von ihm aufgezeichnet. Das Journal des Landes »Monituer Haltien« brachte für 1864 und 1865 eine komplette Veröffentlichung über diese Aufzeichnungsergebnisse. Nach Prof. Ackermanns Tod gingen die Beobachtungsregister an einen Boyer Bozelais über. Dieser lehnte sich gegen Präsident Salomon auf (Salomon wurde 1883 gestürzt). Bozelais' Haus wurde, ein damals übliches Mittel politischer Auseinandersetzung, in Brand gesteckt; die Beobachtungsjournale Ackermanns gingen dabei verloren. Durch einen Schüler seines Collèges erfuhr Scherer, dass der Stadtnotar Laforest Zeitungen besaß, die bis ins Jahr 1858 zurückreichten. So konnten die Beobachtungen Prof. Ackermanns in mühevoller Kleinarbeit aus den Journalen gesichtet werden. Kaum war diese Arbeit beendet, wurde das Haus Laforest am 4. Juli 1888 durch Brandstiftung vernichtet. Weitere 15 Tage musste das Observatorium gegen Brand gesichert werden, bis die äußerst wertvollen Aufzeichnungen zu weiterer wissenschaftlicher Auswertung endlich sichergestellt waren,

Anerkannte Forschungsergebnisse

Mit dem Jahre 1888 begann der sichtbare Aufstieg des jungen Instituts. Die Regierung und Ordensoberen erkannten den großen Nutzen für das Land und gewährten Scherer jede mögliche Unterstützung und Bewegungsfreiheit. Geldmittel für bauliche Maßnahmen und zur Anschaffung modernerer Instrumente wurden bereitgestellt. Scherer betrieb nun tägliche Messungen über Luftdruck, Temperatur, Dampfdruck, relative Feuchtigkeit, Bewölkung, Windrichtung und Geschwindigkeit, Niederschlag, Tagesmittel der Temperaturen und fasste sie in Jahrestabellen. Diese Berechnungen gaben der Fachwissenschaft wertvolle Hinweise über ein bisher noch nicht exakt beobachtetes tropisches Gebiet.
Der neue Direktor des Observatoriums intensivierte seit 1890 die Arbeit dieses Instituts; Scherer begann ein großes Netz von Beobachtungsstationen anzulegen. Zuverlässige Mitarbeiter, meist aus Ordensgemeinschaften, schickten ihm monatlich exakte Aufzeichnungen zur Auswertung.
Gerade auf den Antillen war die Errichtung von zuverlässig arbeitenden Wetterstationen wichtig. Wiederholt hatten heftige Wirbelstürme auf den umliegenden Inseln an der Küste Mexikos und in den Vereinigten Staaten furchtbare Verheerungen angerichtet.
Ignaz Scherer suchte einen Weg, durch Vorwarnungen Schäden zu verhindern und vor allem gefährdete Menschen bei der Schifffahrt zu retten. Er betrachtete es auch als eine seiner Lebensaufgaben, die hier auftretenden Naturgewalten zu erforschen.
Im September 1907, als ein verheerender Wirbelsturm in Guadeloupe und St. Domingo wütete, litt Harti keine Schäden, Nach rechtzeitiger Warnung wurden alle Häfen geschlossen.

Das Observatorium im Dienste der USA

Mit Schreiben vom 7. Mal 1906 wurde dieser Dienst amtlich anerkannt. Die großen europäischen wissenschaftlichen Zentren befassten sich zu dieser Zeit mit den Studien über Tagesschwingungen des Barometers auf der ganzen Erde. Der Direktor der zentralen Sternwarte von Wien, Universitäts-Prof. Dr. j. von Hann, wandte sich 1890 an Ignaz Scherer, da ihm Stundenbeobachtungen über den atmosphärischen Druck aus einer tropischen Beobachtungsstation fehlten. Scherer übernahm bereitwillig diese Aufgabe.
Dazu erklärte Prof. von Hann vor der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaft im Jahre 1892: »Diese Beobachtungen verdienen die Anerkennung aller meiner Kollegen und sind um so mehr zu Schätzen, als sie unter schwierigen Voraussetzungen gemacht worden sind. «
M. E. Mascart, Mitglied des Instituts, Direktor des Bureau Central météorologique de France, äußerte sich nicht weniger lobend über den Wert der Beobachtungen die »zu den besten zählen, die aus dem Ausland kommen«. Ebenso bedeutend waren die Ermittlungen auf dem Gebiet der Erdbebenmessung. Bereits seit 1905 waren 6 seismographische Instrumente in Tätigkeit.

Publikationen des Observatoriums

Die Veröffentlichung der auf Haiti gemachten Beobachtungen erfolgten Anfangs in den Annalen der meteorologischen Büros in Wien und Paris. Mit dem Jahre 1905 erschien in Port-au-Prince ein Monatsheft in bescheidener Aufmachung. Nach 1909 gab man jährlich zweimal und ab 1917 jährlich einmal eine stattliche Broschüre heraus. Diese Veröffentlichungen gingen an alle größeren Observatorien der Welt. Pater Scherer war als Mitpionier der Wetterforschung von internationalem Rang anerkannt.

Für die Forschung freigestellt

1905 wurde Pater Scherer von allen seinen klassischen Vorlesungen entbunden. Eine jüngere Kraft übernahm diese Aufgabe. Von nun an konnte er sich hauptsächlich seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen. Wie der bedeutende Publizist Gérard Jolibois, Port-au-Prince, 1971 bestätigte, wurde ab 1905 im gleichen Jahr das »Bulletin de l'observatoire« herausgegeben. In ihm wurden alle meteorologischen Angaben über Haiti zusammengefasst. G. Jolibois schreibt: »In der Erdbebenkunde vervollständigte der aktive Geistliche die Grundlagen auf Haiti und den großen Antillen durch seine sehr genauen Studien. Diese sind so vollkommen, dass sie 10jahre später in deren umfangreichen Werk über die Geologie Haitis von der Kommission amerikanischer Geologen, die beauftragt waren, diese gewaltige Studie von 1918 - 1920 vorzubereiten, unverändert übernommen wurden. «
Durch die Aufzeichnungen des Observatoriums konnte Scherer der »Dienststelle für Wasserkunde der Republik« bereits vor 1926 grundlegend berechnete Angaben zur Errichtung von Stauwerken geben.
Pater Scherer erlebte die Anerkennung und Würdigung seiner Lebensarbeit. Die Universität von Wien verlieh ihm den Titel eines Universitätsprofessors. Die französische Regierung zeichnete ihn mit dem Band des Offiziers der Akademie aus. Anlässlich seines 25jährigen Priesterjubiläums 1909 wurde Pater Scherer durch Erzbischof Conau von Port-au-Prince zum Ehrendomherr der Kathedrale ernannt.
Am 28. Oktober 1926 starb der hochverehrte Gelehrte fast 69 jährig in Port-au-Prince als Direktor der Sternwarte und des Collèges, das er zu der stattlichen Schülerzahl von 750 emporführte. Ein arbeitsreiches, für die Seelsorge, Bildung und Wissenschaft aufopferndes Leben war abgeschlossen. Der Erzbischof selbst nahm die Trauerfeier vor, an der hohe Regierungsvertreter von Haiti und der deutsche Konsul teilnahmen. 41 Jahre hatte Pater Scherer seine Kraft und Liebe dem Volke Haitis geschenkt.

Observatorium im St.-Material-Collège in Port-au-Prince Haiti
ROBERT HENSLE