Dr.-Ing. Walter Hohmann

Dr.-Ing. Walter Hohmann


Wegbereiter d. Raumfahrt (1880 - 1945)








Bei vielen Menschen bestanden Zweifel, als die Massenmedien den Weltraumflug ankündigten. Unter dem Begriff Raumfahrt versteht man den Gesamtkomplex wissenschaftlicher und technischer Bestrebungen, den menschlichen Tätigkeitsbereich in den Weltraum auszuweiten. Kritisch und mit Bewunderung haben wir die seitherigen Weltraumflüge verfolgt. Doch niemand im Erfatal ahnte, dass erste Berechnungen zu dieser Pioniertat von einem geborenen Hardheimer stammen könnten.

Erstmals bat 1958 ein Prof. Dr.-Ing. G. Oppel in Pennsylvania University Park, USA, die Gemeindeverwaltung Hardheim um Auskunft über die Familie von Dr. Walter Hohmann. Aus Anlass der ersten Mondlandung 1969 brachte die Süddeutsche Zeitung in München einen Beitrag zur Raumfahrt. Die Publikation vom 5. März hieß: "Vor 45 Jahren in Essen erdacht", mit den Untertiteln "Schwierige Aufgaben des Raumfahrtprogramms", "Deutscher Ingenieur berechnet den 3. Weg", "Der vorgenannte Ingenieur soll in Hardheim / Odenwald geboren sein".
Harald Götzelmann, ein Hardheimer, der in München studierte, schickte diesen Zeitungsbericht dem damaligen Hardheimer Bürgermeister Kurt Schmider, der auch eine Verbindung zu den Nachfahren von Dr.-Ing. Walter Hohmann, der Fam. Dipl.-Ing. Rudolf Hohmann, zustande brachte.
Mit gleichem Engagement bemüht sich der Amtsnachfolger, Bürgermeister Ernst Hornberger, das Andenken an den Hardheimer Weltraumpionier in Erinnerung zu halten. Hardheims berühmtester Sohn dürfte Walter Hohmann gewesen sein. Sein Vater war Dr. med. Rudolf Hohmann (1845 -1919), von 1873 -1880 praktischer Arzt und Spitalarzt in Hardheim. Alle 3 Hohmann-Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, sind in Hardheim geboren.
Walter Hohmann kam am 18. März 1880 in Hardheim zur Welt und verstarb am 11. März 1945 in Essen. Er war ein erfolgreicher Bauingenieur, ein international anerkannter Bausachverständiger, Prüfingenieur für Baustatik in Wien, Berlin, Hannover, Breslau, seit 1912 Baurat und Leiter der Statischen Abteilung der Baubehörde und Materialprüfstelle der Stadt Essen. "Das Zusammenwirken von altem und neuen Beton in Eisenbetontragwerken" war die Dissertation Zum Dr.-Ing. in Aachen 1920.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit beschäftigte er sich mit Fragen der Raumfahrt. Sein mathematisches Einfühlungsvermögen und seine geniale Begabung halfen ihm, bestimmte Gesetzmäßigkeiten im Weltraum zu erkennen, die zugleich als breite Plattform für die Verwirklichung seiner Ideen Pate stehen sollten.
Hohmann verehrte Johannes Kepler
Der Hobby-Astronom fühlte sich mit dem Lebenswerk Johannes Keplers verbunden. "Die drei von Johannes Kepler aufgestellten Gesetze, denen die ungestörten Bewegungen der Planeten um die Sonne unterworfen sind und deren Richtigkeit durch das von Isaac Newton später entdeckte Gravitations-Gesetz bestätigt wurde:
1. Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.
2.Der Leitstrahl überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen, d. h. in der Nähe der Sonne bewegen sich die Planeten schneller als in Sonnenferne.
3.Die Quadrate der Umlaufzeiten verhalten sich wie die Kuben der mittleren Entfernungen von der Sonne."
Diese Keplerschen Gesetze waren Ausgangspunkt der Überlegungen von Walter Hohmann. Wernher v. Braun schreibt über Walter Hohmann: "In seiner Freizeit untersuchte Hohmann schon in den Jahren 1911 - 1915 als erster unter Anwendung der Gesetze der klassischen Hirnmelsmechanik, wie groß und wie schwer und wie leistungsfähig ein raketengetriebenes Raumschiff sein müsste, um auf sonnenumrundenden Ellipsenbahnen bei geringstem Energieaufwand zu anderen Planeten zu gelangen. Seine Untersuchungen schlossen dabei nicht nur das primäre Problem des Verlassens des Schwerefeldes der Erde ein, sondern auch die delikate Aufgabe des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre mit superorbitalen Rückkehrgeschwindigkeiten."

Seine Bahnberechnungen zu Mars und Venus gelten als klassisch. Zur Einsparung von Treibstoffen schlug Hohmann auch erstmals das Prinzip des "Beiboots" vor, wie es rd. 45 Jahre später im Programm "Apollo" verwirklicht wurde.
Veröffentlichungen: "Die Erreichbarkeit der Himmelskörper", 1925 bei Oldenbourg, München, mit den Kapiteln: Loslösung von der Erde, Rückkehr zur Erde, Freie Fahrt im Raume, Umfahrung anderer Himmelkörper, Landung auf anderen Himmelskörpern. "Fahrtrouten, Fahrtzelten und Landungsmöglichkeiten" in Leys Sammelwerk "Die Möglichkeiten der Weltraumfahrt", 1928.

Darüber hinaus hielt er Vorträge über Raumfahrt vor technisch wissenschaftlichen Vereinen. Von fast allen Naturwissenschaftlern für Utopie gehalten, glaubten nur wenige daran, dass aus den Berechnungen von Walter Hohmann einmal der Grundstein für die Raumflugbahnen gelegt werden könnte. "Kepler-Hohmann-Bahnen" ist heute die internationale Bezeichnung der von Walter Hohmann gefundenen Raumfahrtswege.

Das Zeitalter der Weltraumfahrt hat begonnen
Eine ungeahnte Entwicklung folgte
Heute sind Erdumkreisungen, Landung auf dem Mond, bemannte Raumstationen, Kommunikations-, Wetter-, Erderkundigungs-, Navigationssatelliten u. a. zu einem allgemein-verständlichen Begriff geworden.
Bereits zeichnen sich phantastische Möglichkeiten der Weltraum-Technologie immer deutlicher ab. Wir ersehen dies an einigen markanten Beispielen.
Im Weltraum lassen sich neue Medikamente von einmaliger Reinheit herstellen. Idealstrukturierte Metalllegierungen eröffnen neue Horizonte und die Entwicklungen in der Glasfasertechnik sind faszinierend. Glasfasern für die moderne Faseroptik sind in einer bisher unübertroffenen Präzision herstellbar geworden, wie man diese auf der Erde nie erreichen würde.
Auch die freie Bewegung eines Menschen im Weltraum ohne Leinesicherung ist keine Utopie mehr und beweist die Einsatzmöglichkeiten von Weltraum-Monteuren, z. B. für die Montage an ständig bemannten Raumstationen.
Die schubgewaltige Saturn V (USA) eroberte den Mond. Bereits heute sind wiederverwendbare Raumfähren mit der bescheidenen Gipfelhöhe von 560 km eingesetzt. Auch die UdSSR-Wissenschaftler haben das Experiment mit der wiederverwendbaren Raumfähre beendet. Die Europäische Raumfahrtorganisation ESA hat nun nach katastrophalen Fehlstarts ein solides Konzept für Trägerraketen aufgebaut. Heute tragen Raumfähren, je nach Einsatz, zwischen10 und 30 Tonnen Nutzlast auf eine Umlaufbahn.
Die "Ariane" in ihrer gegenwärtigen Konstellation befördert rund 2 Tonnen auf weit höhere Umlaufbahnen. Mit späteren Modellen, die bereits in der Entwicklung sind, errechnet man bis 4 Tonnen Nutzlast befördern zu können.
Im Jahre 1977 starteten die beiden Voyager Raumsonden mit 14 Tagen Zeitunterschied. zu ihrer Exkursion ins Unbekannte. Das Ziel war der Versuch, die Geheimnisse um die großen Riesenplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun zu ergründen. Bei diesen historischen Etappen gelang es im Vorbeifliegen, wenn auch in respektabler Entfernung phantastische Bilder zur Erde zu funken. Dies sind außergewöhnliche Wissenschaftliche Erfolge. 1989 soll Neptun aus der Nähe erkundet werden. Danach verschwinden die Sonden im interstellaren Raum in die Unendlichkeit. Die Astronomie ist reicher an Erkenntnissen im Weltraum geworden.
Amerikaner wie Russen versuchten 1986 die Geheimnisse um den Halleyschen Kometen zu lüften. Im Vorbeiflug wurden die physikalischen Eigenschaften seines Kernes wie auch die Gesamtstruktur der Kernumgebung erforscht.
Versuche von Langzeitaufenthalten im Weltraum soll der Vorbereitung von Marsflügen mit Landung dienen. Zukunftspläne, die man anfangs des nächsten Jahrhunderts realisieren möchte. All diesen Unternehmungen lagen die Berechnungen von Walter Hohmann als Ausgangsbasis für die Flugbahnen im Weltraum zugrunde.

Walter Hohmanns 100. Geburtstag feierte man 1980 in Hardheim und Essen. Die deutsche Tagespresse erwähnte kaum seinen Namen. Sie vergaß den Wissenschaftler und Humanisten Walter Hohmann zu würdigen, der mit seinen Berechnungen der Raumflugbahnen nur der Menschheit dienen wollte.

Bereits 1928 / 30 wurden ihm im russischen Raumfahrtlexikon viele Seiten für seine bahnbrechenden Ideen zur Weltraumfahrt eingeräumt. Es war eine frühe Anerkennung seiner Forschungsergebnisse. Deutscherseits wurden bis zum heutigen Tage viel zu wenig seine Verdienste um die Raumfahrt herausgestellt.
Auf zwei unterschiedliche Veröffentlichungen über Walter Hohmann möchte ich hinweisen. Der US-General Medaris würdigte in seinem Buche die zukunftsweisenden wissenschaftlichen Publikationen für die Raumfahrt, die aus der Feder von Hohmann stammen.

Die UdSSR-Botschaft brachte in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift "Sowjetunion heute" anlässlich seines 100. Geburtstages 1980 einen ehrenden Beitrag über die Verdienste Hohmanns im Sinne der friedlichen Weltraumfahrt: "Walter Hohmann war ein überzeugter Gegner davon, die Raketentechnik zu militärischen Zwecken einzusetzen. Selbst in den dunkelsten Zeiten des Faschismus wich er nicht von seinen Anschauungen ab. Er verstand es wie kein anderer, welch schreckliche Gefahr die Raketenwaffe bedeutet, sobald sie sich in den Händen der von der Weltherrschaft träumenden Nazis befand. Deshalb stellte er in den letzten Lebensabschnitten praktisch seine gesamte wissenschaftliche Tätigkeit ein, weil er nicht dem Krieg und der Vernichtung dienen wollte". Es läge im Sinne von Walter Hohmann, die Worte der Naturwissenschaftler zu beherzigen, die vor der Militarisierung des Weltraumes warnen.

Raumfahrt-Ehrungen

1965/66 Im Jahrbuch der Stadt Essen, "Dr.-Ing. Walter Hohmann, ein Pionier der Raumschifffahrt" von Stadtarchivar Dr. Schröter. Straßenbenennung eines Teiles der Kaupenstraße, zwischen Friedrichstraße und Bismarck-Platz im Stadtzentrum, in Walter-Hohmann-Straße. Die Astronomische Arbeitsgemeinschaft Essen hat ihrer Sternwarte den Namen "Walter-Hohmann-Sternwarte" gegeben.

1970 Internationale Astronomische Union benennt im Mare Orientale einen Mondkrater an der Grenze des sichtbaren Mondbereiches nach Walter Hohmann. Hohmann-Bahnen zu Mond, Mars und Venus, ein internationaler Begriff.

1971 Die "Astronomische Arbeitsgemeinschaft Essen e. V." wird in "Arbeitsgemeinschaft Walter-Hohmann-Sternwarte Essen e. V." umbenannt.


Ehrungen seiner Heimatgemeinde

1971 Gedenktafel am Hardheimer Schloss.
1973 Wernher von Braun "Urteil über die geschichtliche Bedeutung der Arbeiten von Walter Hohmann". Sechsseitige handschriftliche Abhandlung vom 1. Oktober 1973 an das "Collegium Astronauticum" des Kuratoriums "Der Mensch und der Weltraum e. V" im Heimatmuseum Hardheim.
1974 Benennung der "Walter-Hohmann-Höhe" mit Aufstellung der Europa-Rakete im Maßstab1: 2 (18 m hoch) - Erinnerungstafel.
Ständige Ausstellung im Heimatmuseum Hardheim "Dokumentation zur Geschichte der Weltraumfahrt", zusammengestellt vom Deutschen Museum München und dem Kuratorium "Der Mensch und der Weltraum" mit dem Landesgewerbeamt Baden-Württemberg, Direktion Karlsruhe.
1980 Zum 100. Geburtstag des Weltraumpioniers Walter Hohmann große Feiern in Essen und Hardheim mit "Ausstellungen zur Weltraumfahrt". Die Grund- und Hauptschule Hardheim trägt den Namen "Walter-Hohmann-Schule".
1984 Einweihung des neu entstandenen Walter-Hohmann-Schulzentrums mit modernen Sportanlagen am 16. März.
2012 Aufstellung eines Modells der Ariane-V-Rakete an der Walter-Hohmann-Höhe anstelle des bis 2003 errichteten Modells einer Europa-Rakete.

Seit 1974 und auch weiterhin wird im Heimatmuseum Hardheim zu Ehren von Walter Hohmann ein Ausstellungsbeitrag zur Geschichte der Weltraumfahrt angeboten. Gelegentliche Sonderausstellungen bestärken die Verbindung zu Walter Hohmann und seinem Lebenswerk.