Und dort, wo die dunklen Wälder des Odenwaldes die freundlichen Fluren des Frankenlandes grüßen, liegt das alte Städtchen Hardheim: an einem kleinen munteren Fluss, der Erfa, die im heutigen Ortsteil Buch der Gemeinde Ahorn entspringt und bei Miltenberg in den Main fließt. Gerade bei Hardheim ändert sie ihr Aussehen. Sie verlässt das weit geschwungene Tal, das sie sich durch den weichen Muschelkalk Frankens gegraben hat und windet sich nun zwischen steilen Ufern aus rotem Sandstein hindurch. Dieser Grenzlage zwischen zwei geologisch völlig verschiedenen Gebieten verdankt Hardheim seine abwechslungsreiche Umgebung und wird so zu einem interessanten Ort für Wanderlustige. Aber auch die Stadt selbst hat dem, der sich für die Vergangenheit der deutschen Heimat interessiert, Schönes und Sehenswertes zu bieten.
Auch im Jahre 1815 kam ein älterer Herr mit seinem jungen Begleiter auf der Reise von Heidelberg nach Würzburg durch Hardheim. Im alten Gasthaus 'Zum Grünen Baum' kehrten sie ein. Der Jüngere schrieb in sein Reisetagebuch: 'In Hardheim Mittagessen - junges frisches Mädchen, nicht schön aber verliebte Augen. Der Alte guckt sie immer an. Kuss .'. 'Der Alte' aber war der damals 60jährige Goethe; sein Reisebegleiter, Sulpiz Boisserée, ahnte wohl nicht, welches Kopfzerbrechen sein kleiner Eintrag verursachen würde! War es doch bis vor kurzem noch ein offenes Problem, ob der Dichterfürst wirklich geküsst habe, wer die Auserwählte nun war, und ob diese Episode irgendwo ihren dichterischen Niederschlag gefunden habe.
So kommt es, dass Hardheim in weiten Kreisen berühmt wurde und bei seiner Erwähnung die Eingeweihten die Ohren spitzten. Über hundert Jahre später aber machte etwas Neues den Namen Hardheim weithin bekannt; seine aufstrebende Industrie.
Das 'Bauland', wie das Übergangsgebiet zwischen Franken und Odenwald heißt, ist in Deutschland das Hauptanbaugebiet des Grünkerns. Und Hardheim ist das Zentrum der Grünkernindustrie, die zusammen mit der ebenfalls hier ansässigen Maschinen- und Mühlenindustrie der kleinen Stadt ihre wirtschaftliche Bedeutung gibt, - einer fleißigen kleinen Stadt, die neben einem tiefen Verständnis für die baulichen Schönheiten der Vergangenheit auch einen offenen Sinn für die Aufgaben der Gegenwart zeigt.
Text von Viktor v. Scheffel - überarbeitet von Wolfgang Weniger